(Source: alle-reden-keiner-sagt-was)
Ich weiß nicht wie’s euch geht, aber ich bin in regelmäßigen Abständen überfordert mit mir und der Welt.
Eigentlich müsste ich auf Stelzen schreiten und so Abstand gewinnen, zu dem was mich runterzieht.
Eigentlich müsste mein Hirn wie ein Sieb funktionieren, stets wissend was zu vergessen ist, was zu konservieren.
Eigentlich müsste ich Boxen integrieren in meinen Hinterkopf, um immer die richtige Musik zu haben im Hintergrund.
Eigentlich müsste ich zwischen Mund und Kehle eine Stimmgabel klemmen, um immer den richtigen Ton zu treffen.
Eigentlich müsste ich mich aufn Baum hocken und solange feste pressen bis aus meinen Schulterblättern Schwingen bringen mit den ich gen Süden zöge, um mal rauszukommen hier.
Eigentlich müsste ich mir einen Stock bis zum Anschlag in den Arsch rammen, um aber auch wirklich in jeder Situation noch Haltung zu bewahren.
Eigentlich müsste ich dann meine Wirbel verrücken, und in die entstandenen Lücken Selbstvertrauen drücken, um immer Zuversicht im Rücken zu haben.
Eigentlich müsste ich Augäpfel pflücken und Radarbrillen tragen um immer den Über- und Durchblick zu haben.
Eigentlich müsste ich an Gott, Parteiprogramme, die eine große Liebe und mich selbst glauben.
Eigentlich müsste ich euch allen die Zeit rauben, weil mir immer zu allem die Zeit fehlt.
Eigentlich müsste ich mir mehr Zeit nehmen für die wichtigen Dinge.
Eigentlich ist alles viel zu wichtig als, dass man was davon vernachlässigen könnte.
Eigentlich müsste ich wo bei andern das Hirn sitzt einen Post-It’s-Block haben, um an alles zu denken.
Eigentlich sollte ich meine Zeit nicht mit dummen Gedanken verschwenden wie … “ein Autositz hat mehr von einem Fahrstuhl als ein Aufzug”.
Eigentlich sollte ich weniger Aufzug fahren, sondern mehr Treppen steigen.
Eigentlich sollte ich keine Treppen mehr steigen, sondern Karriereleitern.
Eigentlich sollte ich mehr Slam-Workshops leiten, um mich besser zu finanzieren.
Eigentlich sollte ich meine Finanzierung besser überdenken.
Eigentlich sollte ich meine Zeit nicht mit dummen Gedanken verschwenden, wie … “Tumore sind wie gut erzogene Kinder: still und wachsen von alleine”.
Eigentlich müssten meine Beine in Siebenmeilenstiefeln stachsen um mehr Weg zurückzulegen, mehr zu schaffen!
Eigentlich müsste in meinen Adern purer Tatendrang und Speed fließen, weil ich immer, immer zu langsam bin.
Eigentlich müsste ich aufrüsten bis unters Kinn, weil meine Fersen mir ständig auf den Fersen sind.
Eigentlich, eigentlich, eigentlich.
Aber da bin immer nur ich und manchmal reicht das nicht, weil da bin immer nur ich, aber meistens ist das schon zu viel für mich.
Weil eigentlich müsste ich mir Superlative spritzen, um in allem besser zu sein.
Eigentlich müsste ich mir das Herz eines Blauwals implantieren lassen, da passen nämlich ganze Menschen rein und dann hätten es meine Freunde auch endlich mal gemütlicher bei mir.
Eigentlich müsste ich mir die Mundwinkel hinter die Ohrläppchen tackern, weil Delfine und Mädchen lächeln immer.
Eigentlich müsste ich mein Zimmer, mal meine ganze Bude mit dem Duden tapezieren, um immer die richtigen Worte zu finden.
Eigentlich müsste ich mir die Augen verbinden und Scheuklappen tragen, um stets unbeirrt voranzugehen.
Eigentlich müsste ich ständig neben mir stehen, um permanent hinter mir her zu räumen.
Eigentlich müsste ich Schlafwandeln können, um auch tags noch zu träumen.
Eigentlich müsste ich um mich Brotkrümel verteilen, um mehr aus mir rauszugehen und trotzdem noch zurückzufinden.
Eigentlich müsste sich mein Lebenslauf bereits auf Seite 10 befinden.
Eigentlich müsste ich zum Arsch abputzen das Feuillton der Süddeutschen benutzen, um mal wirklich drauf zu scheißen, was Kritiker über mich denken.
Eigentlich müsste man mir alle Lebkuchenherzen des Oktoberfestes schenken, dann hätte ich auch mal ein Herz für Tiere, eins Kinder, eins für den Umweltschutz, eins für afrikanische Hungerbäuche, eins für kürzlich verstorbene Kinderschänder und eins für Brittney Spears Drogenexzesse, dann wäre ich vielleicht endlich nicht mehr so erschreckend gleichgültig.
Eigentlich sollte ich mir nicht alles zu Herzen nehmen.
Eigentlich sollte ich stets steil nach oben streben.
Eigentlich sollt ich mich mal zufrieden geben
Eigentlich sollt ich so viel verstehen, wenn ich groß bin, aber wieso, Mama, ganz ehrlich, ist mir dann immer noch so vieles unerklärlich, weil eigentlich müsst ich so viel wissen.
Eigentlich müsst ich ‘n Penis haben, ja um auch mal würdevoll in die Wildnis zu pissen.
Und eigentlich müsst‘ ich mich mit David Copperfield liieren, damit er mich morgens erst mal gepflegt in meine Einzelteile zersägt,
dann könnte mein Torso drin in der Vorlesung sein, während meine Beine draußen gegen Studiengebühren demonstrieren, meine Augen würden Sonntagabend Tatort sehen, während meine Arme mit den Mädels einen heben gehen,
und meine Hüften würden über den Tanzboden schweben, während meine Füße sich artig schlafen legen,
weil eigentlich sollte ich sowieso alles in einem sein, wie eine Sitz-Geh-Legenheit eben.
Eigentlich müsst ich Mut verflüssigen, Verstand pulverisieren, eine Prise Risikofreude dazugeben, das dann zu pinken Pillen komprimieren, die ich in Apotheken verkaufe als Mittel gegen Unentschlossenheit, Entscheidungen, Worte…
Eigentlich müsste ich Worte gurgeln, damit sie mir nur so über die Zunge hüpfen.
Eigentlich müsste ich Eier legen, aus denen ständig neue Textideen schlüpfen.
Eigentlich müsste mir ne Supermarktkette gehören, da würd ich nämlich Weisheit in Dosen verkaufen, damit ich die wirklich mal mit Löffeln fressen kann.
Eigentlich müsst ich dann eine Strategie entwickeln, wie ich von drei Dosen Weisheit, 5 Litern Wasser und 10 000 Sit-ups am Tag überlebe , um endlich auszusehen wie Heidi Klum.
Eigentlich sollt ich’s für erstrebenswert halten auszusehen wie Heidi Klum,
Eigentlich sollte es mir egal sein, dass ich nicht aussehe wie Heidi Klum,
Eigentlich, eigentlich, eigentlich…
Aber da bin immer nur ich und manchmal reicht das nicht, weil das bin ja nur ich, aber meistens ist das schon zu viel für mich.
Und dann kommst du
Sagst, ich soll mal runterkommen, langsam machen, sagst du.
Dass ich auch nur ein Mensch bin, Menschen kleine Brötchen backen, sagst du.
Und Früchtetee, sagst du, schmeckt auch nur nach nichts mit ein bisschen Weihnachten.
— Franziska Holzheimer // Früchtetee (via decentlife)
(via gedankenspruenge)